16 Schülerinnen und Schüler werden die LVR-Förderschule nach dem Ende des Schuljahres verlassen – genau die Hälfte gehört einer der beiden christlichen Konfessionen an, die andere Hälfte ist muslimisch. In der Abschlussklasse 10a sind sogar mehr als die Hälfte muslimisch. Mit dem Wunsch, statt des bislang üblichen ökumenischen Gottesdienstes eine Feier mit Liedern, Texten und Gebeten aus Christentum und Islam zu veranstalten, seien christliche und muslimische Schüler gemeinsam an die Schulleitung herangetreten, wie Konrektor Karl Salber-Correia mitteilte. Bei ihm stieß das Vorhaben der Schüler sofort auf offene Ohren: „Ich bin sehr stolz auf diese Initiative, die vom gegenseitigen Respekt und der Anerkennung der jeweils anderen Glaubensüberzeugung getragen ist“, sagte Salber-Correia.
Als nächsten Schritt formulierten die Schüler einen Brief an ihre Eltern, in dem sie ihren Wunsch erklärten, um das Einverständnis zur Teilnahme baten und auch danach fragten, an welchem Ort die Feier stattfinden solle – in einer Moschee oder, wie bislang üblich, im Lutherhaus der Evangelischen Kirchengemeinde Bedingrade-Schönebeck? Die Eltern entschieden sich mehrheitlich für das Lutherhaus.
Gemeinsame Gebete
Und so gibt es dort am kommenden Freitag eine „besinnliche Stunde“ – so der von den Schülern gewählte, religionsneutrale Begriff für die Feier – mit gemeinsam gesprochenen Gebeten und Segenswünschen, christlichen und muslimischen Liedern und Texten und einer Koranrezitation auf Arabisch. Alles wird simultan in die türkische bzw. deutsche Sprache übersetzt.
„Es war nicht leicht, geeignete Gebetstexte und Lieder zu finden“, berichtet der evangelische Gehörlosenseelsorger Volker Emler, der die Veranstaltung gemeinsam mit der katholischen Gemeindereferentin Beate Volkmer und dem muslimischen Lehrer für Islamkunde, Yassine Abid, vorbereitet hat. „Mit der gemeinsamen Feier betreten wir Neuland, fertige Vorlagen gibt es nicht. Möglicherweise entsteht hier ja ein Modell, das andere Schulen übernehmen können.“
Mit dem Herzen dabei
Anregungen fand Emler im Schulreferat des Kirchenkreises. Auch für Islamkunde-Lehrer Yassine Abid, gebürtig aus Marokko, ist die „besinnliche Stunde“ Neuland: „Ich spüre, dass die Schüler mit dem Herzen dabei sind. Wenn sie später einmal selbst Eltern von Schulkindern sind, erinnern sie sich vielleicht daran, wie viel Gutes aus Toleranz und gegenseitiger Achtung unserer unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen erwachsen kann.“
Das kommt auch in den ausgewählten Texten und Liedern zum Ausdruck: „Gott hält die Moslems und die Christen in seiner Hand“ werden sie zum Beispiel am Freitag singen, in Abwandlung eines bekannten Liedes aus dem Kirchengesangbuch. Sie werden Vers 63 aus Sure 25 hören, in dem es um die Barmherzigkeit Gottes geht.
Einander Segen sein
Und sie werden am Schluss gemeinsam beten: „Lass uns in ein besseres Morgen gehen, in eine Welt, in der wir einander Segen sind. Lass uns, Menschen verschiedener Religionen und Nationalitäten, verantwortungsvoll und mit Respekt einander begegnen. Lass uns gemeinsam daran arbeiten, dass das Leben der Menschen hier und in aller Welt besser und gerechter wird.“
Hauptthema des Gottesdienstes sind schließlich nicht die Unterschiede oder Gemeinsamkeiten der Religionen. Vielmehr geht es um die Zukunft, um die nicht immer leichten Lebenswege, die jetzt vor den 16 jungen Menschen liegen, ihre Ängste und Hoffnungen, Erwartungen und Träume.