Guten Morgen,
seit gut 45 Jahren bin ich
haupt- und ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche unterwegs. Als ich anfing
bei der Firma ‚Evangelisch‘ waren wir noch so richtig Volkskirche, und gefühlt
machten alle mit. Heute sind alle Christinnen und Christen in Deutschland
zusammen etwas weniger als die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Natürlich kenne
ich die Zahlen, aber als Schulpfarrerin bin ich öfter gefragt. Schülerinnen und
Schüler scheinen sich also etwas von mir zu versprechen, wenn sie mit mir über
persönliche oder schulische Themen und Probleme reden wollen. Wenn bei
Begegnungen jemand pauschal die Kirche kritisiert, dann sage ich schon mal:
„Aber ich bin doch auch ‚die Kirche‘“. Die Antwort klingt immer ähnlich: „Aber Sie
sind doch gar nicht so wie diese Kirchentypen.“ Ich entgegne: „Die Kirche, das
ist auch die Frau, die sonntags vor der Kirchentür um Geld bettelt“. „Die
Kirche, das ist auch die Wirtschaftsprüferin, die sich ehrenamtlich um die Finanzen
kümmert oder der Mann, der das Abendmahl nach Hause gebracht bekommen muss, da
er seine Wohnung nicht mehr verlassen kann. Die Kirche, das sind auch die
vielen divers lebenden Menschen, jeweils mit ihren Begabungen und Sorgen.“ „Ach
so, ja klar, hatte ich vergessen“, bekomme ich dann manchmal als Antwort. Aber
die Kritik an der Kirche im Allgemeinen höre ich trotzdem immer wieder.
Hoffnung macht mir da ein
Impuls der Evangelischen Kirche im Rheinland, der im Januar dieses Jahres
verabschiedet worden ist. Da wird die Aufgabe der Kirche in der Gesellschaft –
für alles Volk – so beschrieben. Die Kirche hält den Blick für Gott offen; trägt
diesen Blickwinkel in die Gesellschaft ein. Sie ist also eine Art Lobbyistin –
Interessenvertretung – für Gott. (1)
Der Apostel Paulus ist für
mich der erste Lobbyist für Gottoffenheit. In seiner Rede auf dem Marktplatz in
Athen tritt er öffentlich auf – und leidenschaftlich. Er erzählt von Jesus und
von der Auferstehung, er erzählt von der Schöpfung, und dass Gott nicht in
Tempeln wohnt, die mit Händen gemacht sind. Überzeugt ist er von seinem Glauben
und redet mit Schwung. Gleichzeitig achtet er die Religionen der anderen, die
er auf dem Marktplatz kennengelernt hat. Und verweist darauf, dass kein Bild
Gottes Wesen fassen kann.
Der Erfolg ist mäßig.
Einige lassen Paulus auflaufen, andere verabschieden sich elegant: „Wir wollen
ein andermal mehr hören.“ Wieder andere fragen aber auch nach. Diskutieren mit
ihm, wollen mehr wissen und sind neugierig geworden auf Gott. Ich freue mich,
wenn meine Schülerinnen und Schüler offen sind für Gott. Wenn sie Fragen und
Zweifel haben. Und die auch aussprechen. Im persönlichen Gespräch ist das
leicht, in der Schule auch, aber in der Kirche fehlt vielen Menschen dazu oft
der Mut. Das soll anders werden. Deshalb bereite ich gemeinsam mit anderen
gerade ein Kirchencamp in Solingen vor. Pfingsten 2022 wollen wir in der Stadt
und in den Kirchen mit Menschen ins Gespräch kommen. Herzliche Einladung schon
jetzt, an alle Zweifler und Begeisterte, und an alle Neugierigen. Für
Auswärtige wird es auch Übernachtungsmöglichkeiten geben.
Es grüßt Sie herzlich,
Schulpfarrerin Gerlinde Anders aus Leverkusen.
(1) https://suche.ekir.de/?query=lobbyistin+der+gottoffenheit&referrerPageUrl=https://www2.ekir.de/,
letzter Zugriff am 29.5.2021.
Redaktion: Landespfarrerin
Petra Schulze