„Die Kirche ist als zivilgesellschaftliche Akteurin weiter gefragt“

  • Ekkehard Rüger
  • Andreas Attinger

1972 wurde die erste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) präsentiert. Seither legt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sie alle zehn Jahre neu auf. Der jüngste Datensatz wurde im Herbst 2022 von Forsa erhoben und liegt jetzt vor – erstmals bundesweit repräsentativ für die Gesamtbevölkerung und unter Beteiligung der katholischen Kirche. Dr. Edgar Wunder vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD hielt am dritten Synodentag einen Impulsvortrag mit den wichtigsten Ergebnissen und spricht im Interview über die große Resonanz der Studie.


Herr Wunder, die KMU ist die sechste innerhalb von 50 Jahren. Ist sie inmitten aller kirchlichen Umbrüche auch die gefragteste?
Edgar Wunder:
Wir erfahren in der Tat eine ungeheure Resonanz. Da ich an früheren Untersuchungen nicht beteiligt war, fällt mir der Vergleich schwer. Aber alle, die früher schon dabei waren, berichten mir, dass die Resonanz diesmal größer ist. Das kann auch daran liegen, dass wir die Daten jetzt zeitnah vorgestellt haben und nicht erst drei Jahre später, und uns auch Mühe bei der Aufbereitung und Vermittlung geben. Die KMU trifft sicher einen Nerv der Zeit. Von den 20 Landeskirchen habe ich bei etwa der Hälfte inzwischen die Landessynoden besucht. Und überall ist das Diskussionsbedürfnis enorm.

Bei allen rückläufigen Trends: Welche Ergebnisse haben Ihnen am meisten Hoffnung gemacht?
Wunder:
Mir macht die Altersverteilung Hoffnung. Kirchliche Religiosität und Kirchenbindung nehmen nicht einfach von Generation zu Generation ab. Sondern wir haben nur von der ältesten Generation der heute 70- bis 80-Jährigen zu den etwa 60-Jährigen einen wirklich starken Abbruch, also von der Vor-68er- zur 68er-Generation. In den folgenden Generationen bewegt sich die Kirchenbindung auf einem vergleichsweise konstanten, aber niedrigeren Niveau. Das heißt, ein erheblicher Teil dieses Entkirchlichungsprozesses geht auch darauf zurück, dass die Ältesten sterben und schrittweise durch Jüngere ersetzt werden. Wenn dieser Wechsel in etwa 20 Jahren abgeschlossen ist, wird sich der Prozess vermutlich deutlich verlangsamen. Aber dann befinden wir uns schon in einer klaren Minderheitensituation.

Gibt es weitere Beispiele?
Wunder:
Ein zweites positives Signal ist für mich, dass es keine generellen Bestrebungen gibt, die Kirche aus gesellschaftlicher Beteiligung zurückzudrängen im Sinne einer laizistischen Ideologie. Die Kirche ist als zivilgesellschaftliche Akteurin weiterhin erwünscht und gefragt. Und drittens können wir nach wie vor Bereiche benennen, in denen die Kirche mit ihren Handlungen etwas bewirkt, beispielsweise durch Angebote zur religiösen Sozialisation. Das Problem ist nur, dass Kinder von Eltern, die schon ausgetreten sind, durch diese Angebote nicht mehr erreicht werden. Die Kirche muss daher auch Angebote für Konfessionslose entwickeln, ohne gleich den Religionshammer auszupacken, der es wiederum schwer machen würde anzudocken.

Die KMU ist also aus kirchlicher Sicht kein reines Protokoll katastrophaler Entwicklungen?
Wunder:
Der Himmel ist nicht nur schwarz. Die Ausgangssituation, dass die ganze Gesellschaft qua Geburt Mitglied einer freiwilligen Organisation wie der Kirche ist, hat auch etwas Vormodernes und passt nicht mehr in unsere Zeit. Wir schrumpfen, wenn man so will, auf das Normalmaß einer freiwilligen Organisation, in der die Mitgliedschaft nicht mehr vererbt wird. Das ist keine Katastrophe, erfordert aber erhebliche Umstrukturierungsprozesse. Die Wahrscheinlichkeit ist dabei sehr hoch, dass sich unter den vielfältigen Betätigungsfeldern der Kirche einige befinden, die sich langfristig als zukunftsfähig erweisen. Wenn am Baum ein Ast verdorrt, gibt es trotzdem noch viele Äste, die weiterwachsen.

In vielen Bereichen decken sich die rheinischen Ergebnisse mit den Zahlen der westdeutschen Kirchen insgesamt. Sehen Sie trotzdem besondere Ansatzpunkte für die Evangelische Kirche im Rheinland?
Wunder:
Das Besondere des rheinischen Kirchengebiets ist das Nebeneinander sehr großer Städte wie Köln, Düsseldorf und dem Ruhrgebiet einerseits und sehr ländlicher Regionen wie der Eifel andererseits. Ein so weites Spektrum total unterschiedlicher Bereiche haben nur wenige Landeskirchen. Ein Beispiel: Die Relevanz der Pfarrpersonen ist in den kleinen, ländlichen Gemeinden wesentlich zentraler als in den Großstädten, wo sie durch ein vielfältiges Netz aus anderen kirchlichen Mitarbeitenden überlagert werden. Wollte man also an dieses Thema heran, wäre die Antwort sicher in Großstädten eine andere als auf dem Land. Ein zweite Besonderheit des Rheinlands ist, dass wir hier schon immer mehr Katholiken hatten und es daher in vielen Gebieten für Evangelische längst eine Diasporasituation gibt. Und eine dritte Besonderheit ist, dass der Prozess der Kirchenaustritte hier zwar noch nicht so weit fortgeschritten ist wie in anderen Landeskirchen. Aber innerhalb der rheinischen Kirche ist die Kirchenbindung wiederum geringer als in anderen Gebieten. Insgesamt überwiegen die Gemeinsamkeiten aber bei Weitem die Unterschiede zu den anderen Landeskirchen in Westdeutschland.